Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Qupperneq 24

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Qupperneq 24
eines Bildes, das immer so war und immer so sein wird. Das Geftihl des Ewigen steigerte sich, als ich von diesem höhlennistigen Dorf iiber die Höhe des Eliasberges wanderte und kletterte nach der alten Ruinenstadt Thera. Der Eliasberg ist gekrönt von einem weifien Kloster. Da unten sind alle Gebáude weifi. Vom Klosterdach sah man iiber das ganze Ágá- ische Meer bis Kreta, iiber das Meer, das von Sage und Geschichte so reich umwoben ist, auf dem sich Asien und Europa begegnen. Wir steigen am Osthang des Eliasberges hinunter, bis wir in halber Höhe, ungefáhr 350 m iiber dem Meer, die alte Bergstadt Thera betreten. Máchtige Granitruinen, zertriimmerte Háuser, verwilderte und zerbröckelte StraBen, deren Ziige man aber noch deutlich erkennen kann, Grundmauern von alten Tempeln, die verwitterte Anlage von Marktplatz und Theater. Hier und dort noch ein Relief, eine Inschrift. Úberall dazwischen grofie Kissen von duftendem Thymian. Ab und an eine einsame Ziege, die sich aus dem náchsten Dorf herauf verirrt hat. Als gewaltige Kulisse im Hintergrund die gelben Hánge des Eliasberges, darunter das blaue Meer. Alles eine seltsame Mischung von Vergánglichkeit und Ewigkeit. Dann und wann tritt der FuJ3 auf ein schönes Scherbenstiick einer alten Theravase. Nichts von derHand, die sie zerschellen lieJ3. Alles in einem iiberirdischen Licht, das die Wehmut, die uns beschleichen will, weit und groJ3 zur Andacht hebt. Und dann freut man sich,daJ3 man das allessieht, gerade so sieht, gerade jetzt sieht, versunken und ausgegraben, ruinenhaft, ausgestorben und doch unvergánglich, ein Ort der Phantasie, eine Dichtung, die man nur er- leben kann mit einem geweihten Herzen. Ein unvergeBlicher Tag, eine unvergeJ31iche Insel. Es war wohl mehr als Griechenland, mehr als Asien, es war ein Stiick Ewigkeit, wie ein Vermáchtnis aus einer anderen Welt. Das war ein Bild aus der hellenischen Welt, ob das eindrucksvollste, láJ3t sich schwer sagen. Man glaubt an jeder dieser altehrwiirdigen Státten: Das ist nun das GroJ3artigste. Ein Schauer des Ergriffenseins iiberrieselt uns auch, wenn wir zur Akropolis des alten Mykene im Felsengekliift von Argos hinansteigen. Die tragischsten Bilder aus Aischylos Orestie tauchen vor uns auf, wenn wir vor dem Löwentor stehen. Schritt hier Agamemnon hindurch am verhángnisvollen Tag seiner Riickkehr? Sind das die Grundrisse seines Badezimmers, in dem er fiel „durch seiner Frauen und Ágisthens Tiicke" ? Ob Klytámnestra den Berg neben der Akropolis erstieg? Wohl kaum. Jedenfalls können wir, wenn wir einsam und pfadlos hinaufklettern, einen wunderbaren Sonnenuntergang erleben. Da leuchtet, verklárt von Abendgold der Berg Artemision, auf dem Aga- memnon die Hirschkuh der Artemis jagte. Homer hat die Landschaft geadelt; aber sie ist an sich so groJ3artig und groBziigig, daB man sich 70
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