Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Síða 25

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Síða 25
hinausgehoben fiih.lt iiber alle Niederungen des Alltags. Geliibde gliihen in der Seele auf, den unvergeblichen Erlebnissen dieser Stunden wiirdig zu sein. „Auch ich bin in Arkadien gewesen, auch mich umfing ein Hauch der Ewigkeit —.“ Oder soll ich an das Mykene benachbarte Tiryns er- innern, wo Perseus regiert und Herakles, der Zeussohn, geboren sein soll? Oder an das heilige Delphi mit seinen altehrwiirdigen Ölbaum- wáldern, dem erhabenen Triimmerfeld des Tempelbezirks, der Kasta- lischen Quelle, an der die Pilger sich wuschen, ehe sie wagten, vor die Priesterin zu treten ? Es wáre so viel zu sagen. Zum Abschied sollen nur noch die Zauberbauten der Akropolis Athens vor uns aufklingen. Sie sind wie ein Hymnus in Stein. Wer an einem Spátnachmittag zu den Pro- pyláen hinanstieg, wird nie mehr dies eigentiimliche Vibrieren in der Herzgegend vergessen. Es ist nicht nur kunstlerisches Entzúcken, was man empfindet, es ist viel mehr. Man glaubt, man sttinde nun an dem Ufer, das hintiberfúhrt ins Eand der Ideale. So mtifite das Tor zur ewigen Seligkeit ausseheu. Der FuJ3 zaudert, hindurchzutreten, die Augen beten in Andacht vor diesen göttlichen dorischen Sáulen, die warm und lebendig bráunlich in der Sonne gltihen. Was wird dahinter sein ? Und wenn wir dann doch hindurchschreiten, erstaunen wir das Wunder des Parthenons auf der einen, des Erechtheions auf der anderen Seite. Was ftir eine Welt! Was ftir ein Volk, das solche Tempel baute, die noch als Trtimmer uns auf die Knie zwingen. Und wenn sonst nichts geblieben wáre: ein Volk, das so seine Götter verehrte, war ein groBes und auserwáhltes Volk. Wer kommt ihm gleich? MtiBte man nicht immer wie Iphigenie warten und ,,das Eand der Griechen mit der Seele suchen“ ? Ist es nicht ein Wunder- land, in dem uns Eltigel wachsen, uns hinaufzuschwingen tiber den Alltag ? Beinahe ftihle ich mich bei dieser Frage etwas schuldbewuíít! Ist es nicht Untreue gegen heimische Art, gegen den Norden, gegen die Insel hoch oben im atlantischen Ozean ? Ich meine Island. Auch sie verkörpert eine Welt, eine ganz bestimmte Kultur, und ich hatte mich ihren Idealen ergeben. VerblaBt die ganze Insel mit allem, was sie bieten kann, nicht gegen diesen úberreichen Stiden? Nirgends wird man auf ihr die unerhörte Herrlichkeit dorischer Tempel finden oder die Wunder griechischer Statuen, wie beispielsweise einen Hermes des Praxiteles in Olympia, keine Friese, auf denen sich Frauen, die geradezu Harmonie tönen, zum Reigen schlingen. Nichts dergleichen. Arm steht sie der hellenischen Ftille gegentiber. Keine Ftirsten thronten auf ihr die gigantisch wie Asiaten ftir die Ewigkeit bauten, wie in Mykene und Tiryns. Nicht einmal mittelalterliche Romantik wie im byzantinischen Misthrá findet man auf ihr. 71
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