Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Qupperneq 26

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Qupperneq 26
Die siidlichen Kunstwerke stehen in groBartiger Natur. Darin be- riihren sich Norden und Suden. Auch die islándische Dandschaft ist grofiartig, manchmal erdruckend groBartig in ihrer grenzenlosen Einsam- keit, Weite und Kahlheit. Das einzig lebendige sind oft die wechselnden Farben und die sind ebenso schön wie in Hellas. Wie unvergeBlich ist beispielsweise der Blick von Gunnars Hlíðarendi in das breite Moránen- tal und auf die Firnzacken des Eyjafjallajökull! Man kann gut be- greifen, daB der geáchtete Gunnar, als er am schönen Sommertag zum letzten Male zurtickschaute, umkehrte und lieber in dieser Hei- mat sterben als in der Fremde leben wollte. Diese Heimat hat noch viel, was den Beschauer begeistern kann. Zum ganz Schönen gehören die gewaltigen Wasserfálle; das wunderbare Farbenspiel des máchtig tobenden Gullfoss prágt sich unauslöschlich ein. Wie erhaben ist die königliche Einsamkeit des Knebelsees im gárenden Kraterbett der Askja! Die weiten Fernsichten sind charakteristisch ftir Island. Alles scheint nah, greifbar und ist doch so fern, so unerreichbar. Das löst eine seltsame Spannung aus. Merkwtirdig stark sptiren wir beispielsweise das Unendliche, wenn wir zum Kap Reykjanes, dem Stidkap Islands, hinauswandern. Zuerst tritt der FuB auf Gras. Schafe weiden und springen um uns herum. Schafe gibts in Island und Hellas viel. Zur Einken be- gleitet uns das Meer, nicht bezaubernd blau wie im Stiden; grau, silbrig, unerforschlich prallt es in ewigen Wogen gegen die Steinktiste. Auf der Hálfte des Weges liegt ein gestrandetes Schiff. Merkwtirdig aufrecht hebt sich sein verrosteter Eeib in scharfen Umrissen vom Himmel ab. Sagen von Gespensterschiffen fallen uns ein. Die Phantasie spinnt eine traurige Geschichte um das einsame Wrack. Uns fröstelt in der freund- lichen Sonne. Der Weg ftihrt nun nur tiber Eavablöcke, harte, unfreund- liche Steine. Wie hassen die Augen diese Steine schlieBlich! Es ist Som- mer und Sonnenschein, und zur Seite brandet das Meer, das zu heiteren Eándern ftihrt; aber diese Steine machen das Eeben so dtister, so unheim- lich. Da sehen wir, daB kleine Steinnelken in diesen unerbittlichen Felsen sich der Sonne freuen, und die rtilirenden, winzigen Pflánzchen trösten uns. Dann kommen wir in den Hexenkessel des Solfatarenfeldes, erholen uns beim gastfreundlichen Eeuchtturmwárter, finden wieder Mut, mehr von diesen erschreckend gewaltigen Eindrticken aufzunehmen und klet- tern auf den glatten, schltipfrigen Felsblöcken in den Höhlen am Kap herum, bis der heranfauchende Ozean uns zurticktreibt.Etwas Urweltliches und Zeitloses hat auch dies nordische Meer. Aber es wirkt nicht versöhn- lich und befreiend. Wie FanfarenstöBe donnert es uns in die Seele, daB wir aufgewtihlt werden bis ins Innerste. 72
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