Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Síða 27
Áhnliche Gefiihle durchbeben uns, wenn wir auf dem kleinen Vulkan
Helgafell in der Náhe von Hafnarfjörður stehen. Man glaubt, den ersten
Schöpfungstag zu erleben. Das Feste hat sich gerade vom Nassen ge-
schieden, der Blick reicht bis an den Ozean. Sonst sieht das Auge nichts
als graurötliches Gestein, ohne Pflanzen, ohne Spur von Menschen. Das
Chaos scheint gerade den ersten Ansatz gemacht zu heben, sich zum Kos-
mos zu ordnen. Ich sah es an einem triiben Tag. Die schweren Wolkenbil-
dungen, die vielleicht nirgends so wunderbar sind wie in Island, arbei-
teten mit an dem gewaltigen Bild und erhöhten wohl noch den Eindruck
des Uranfánglichen.
Es ist schwer zu sagen, was bedeutungsvoller ist fiir den, der es erlebt,
ein Zaubertag auf Santorin, ein Sternenabend in Delphi, ein Sonnenunter-
gang in Mykene oder eine Nachtfahrt an derNordkiistelslands mit den
erhabenen Basaltdomen, ein Ritt in Sturm und Regen von Snorris Reyk-
holt nach Þingvellir oder schier endloses Tasten im Ungewissen auf dem
braven Tier durch die unbarmherzigen schweigenden Steine des 'Odáða-
hraun und an den widerspenstigen Fluten der Jökulsá entlang. Unend-
lich verschiedenartige Bilder schaut das Auge, aber die nördlichen wie
die siidlichen reifien den Menschen zusammen, geben ihm etwas mit, das
ihm Kraft verleiht, das er nie vergifit bis ans Ende seiner Tage. Und
es ist seltsam; die nordischen Eindrticke sind trotz ihrer Diisterkeít vieí-
leicht doch die, die einem Nordmenschen mehr liegen. Man jauchzt we-
niger begliickt auf, fiihlt sich nicht auf seligen, zeitlosen Gefilden reiner
Formen, aber man spiirt in sich Kraft, Stárke und Tatenlust wie ein
Ritter, der trotz Tod und Teufel seinen Weg reitet.
Wer die Sage liebt, fiir den ist auch auf Island „geweihter Boden, wohin
er tritt". Damit wáren wir bei der Eiteratur, und hier besitzt Island etwas,
was das ewige Hellas nicht hat. Wir wollen nicht von der Heldensage
reden. Jeder mag selbst entscheiden, was ihm gehaltvoller erscheint und
ihm mehr gibt, die Schöpfungen nordischer oder griechischer Sage.
Aber Hellas mit all seiner Herrlichkeit, seinen unersetzbaren Tempeln,
seinen Tragödien und Philosophenspekulationen hat in seiner iiberreichen
Schatzkammer die eine kleine Perle nicht, die das karge nordische Meer
der einsamen Insel schenkte, námlich die Prosaerzáhlungen, die Sagas.
In diesen, von echtem Eeben durchbluteten Schilderungen hat Island
Denkmáler geschaffen, die uns zwar nicht in Ekstase versetzen wie die
griechischen Werke einer reifen Kunst, wohl aber gute Portráts von
Menschen und Verháltnissen zeichnen, die gerade, weil sie schlicht und
lebenswahr sind, uns immer lieber werden, je mehr wir uns mit ihnen
bescháftigen. Sie können uns menschlich um so mehr sein, weil sie nicht
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