Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Side 58
Weg wollten wir uns in Arngerðareyri erkundigen (vgl. Mitt. XVI, 54),
sondern hier sollten wir erst erfahren, ob iiberhaupt unser Ausflug mit einem
Extradampfer nach dem Nordkap möglich ware. 'Arni Jónsson, GroB-
kaufmann in'Isafjörður telephonierte zuriick, wir könnten uns unbedingt
darauf verlassen, dafi sein Boot uns in Staður í Grunnavik piinktlich ab-
holen wiirde (Mitt. XVI, 52, 53).
Der Weg fiihrt den 'Isafjörður nordwarts durch ein nicht allzuschmales
Flachland iiber Verzweigungen des Fjords und ziemlich wasserreiche Bache,
besonders iiber die recht tiefe Dangadalsá bei Nauteyri, in gut 4 Stunden
bis Melgraseyri, dem alten Hof Valbrandsstaðir (Hávarðarsaga K. 8 =
Thule VIII, 157). Hohe Strandterrassen ziehen sich von Nauteyri ununter-
brochen bis Kaldalón, nördlich vom Hofe sind einige warme Quellen. In
Melgraseyri fiel mir der iiberaus gute Zustand der Hauswiese auf; das un-
gewöhnlich groJ3e Tún war zum gröBten Teil eingeebnet, und das Heu
duftete stark und wiirzig, groJ3e Kohlbeete standen an verschiedenen Stellen.
Der Bauer hatte einige Jahre auf der landwirtschaftlichen Schule in Kri-
stiania (Oslo) zugebracht, und die Báuerin war mehrere Jahre in Kopen-
hagen gewesen. Die Arbeit in der Bremde hatte ihnen die Augen geöffnet
und sie selbst angespornt, die Fortschritte der Dandwirtschaft auch auf
der heimischen Scholle zu versuchen. „Man muJ3 den guten Willen haben
und FleiJ3“, meinte die Hausfrau, „dann geht alles auf Island gut, niemand
hat nötig, von hier auszuwandern". In der sauberen Stube rasteten wir,
bis die náchsten Fliisse, die wir zu iiberschreiten hatten, gefallen und Kal-
dalón zu passieren war. Die Einsamkeit empfand das Ehepaar durchaus
nicht driickend; zwar sei die Reise nach dem Stádtchen 'Isafjörður zu
Pferde iiber die Berge in 3 Tagen zu anstrengend und zu teuer, aber ein
Dokalboot káme doch zuweilen im Sommer, dann ströme alles zusammen
und vereinige sich zu froher Gesellschaft.
Dicht bei dem Hofe 'Armúli, der Wohnsitz des Bezirksarztes ist und
auf einer hohen Terrasse liegt, ergiefit sich die Selá ins Meer, neben der
Eyvindará und Hvalsá der gefáhrlichste GletscherfluJ3, der vom Dranga-
jökull kommt. Der milchweiBe Strom schoJ3 mit starkem Gefáll einher,
und da wir von dem Gehöft, wo Typhus herrschte, keine Hilfe erwarten
konnten, muJ3ten wir selbst die Furt aufsuchen. Mitten im wilden Wogen-
gewirr riJ3 plötzlich meinem Begleiter der Pferdegurt, schon waren die
Ohren seines Gaids unter Wasser, und ein deutsches Pferd, in dessen Ohren
Wasser sturzt, ist bekanntlich immer verloren, da gelang es der iiberlegenen
Reitkunst Herrn Benarys, das RoJ3 in die Höhe zu reiJ3en und das rettende
Ufer zu erreichen. Von 'Armúli fuhrt ein Weg uber den Gletscher nach
Drangar, der im Hochsommer ziemlich viel benutzt wird, um auf Pferden
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