Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Page 62
XII. ZU FUSS UBER DEN SPRENGISANDUR
(13.—17. AUGCST 1929)
Von Dr. Hans Kuhn, Minden
Der Sprengisandur ist der lángste Hochlandweg zwischen Nord- und
Siidisland, etwa 200 km lang. Er liegt zwischen Hofs- und Tungna-
fells—Vatnajökull; im Norden fiihrt er in die Dandschaften Bárðardalur
oder Eyjafjörður, im Siiden in Gnúpverjahreppur oder Eandsveit. Er ist
wegen Weidemangels und grofíer Fliisse sehr beschwerlich und wird jetzt
wenig gebraucht. Zu Fufi haben ihn, soviel ich weifi, zweimal Islánder
iiberquert, spát im Herbst, als die Eliisse klein waren; beide Male sind sie
nur durch das Dazwischenkommen anderer gerettet.
Immer hat es mich gelockt, auf den Sprengisandur zu kommen, denn
er liegt so recht im innersten Island und gilt als sein grofiartigster Hoch-
landweg. Úber ihn zu reiten hatte ich kein Geld, auch liegt es mir nicht,
hinter einem Fiihrer (ohne den es in diesem Falle nicht ginge) herzutrotten
und ihm Entscheidung und Verantwortung zu iiberlassen. Dafi es zu Fufi
ginge, war mir vor dem letzten Sommer nicht in den Sinn gekommen, denn
der Weg ist fiir einen Fufigánger, der seine Ausriistung und Verpflegung
selbst tragen mufi, reichlich lang, und im Siiden fiihren die bráuchlichen
Wege entweder iiber die Þjórsá oder die Tungná, grofie Fliisse, die nur im
Spátherbst und Winter zu waten sind. Ich entschlofi mich trotzdem, den
Weg zu wagen, und zwar von Norden nach Siiden. Im Sommer 1927 war
ich von Hveravellir auf dem Kjölur schrág iiber den Nordwestteil des Hofs-
jökull und dann denWeg iiber den Vatnahjalli in den Eyjafjörður gegangen,
Mitte Juli vorigen Jahres von Mýri, dem obersten Hof im Bárðardalur,
iiber das Hochland siidlich des Fnjóskadalur in den Sölvadalur im inneren
Eyjafjörður. Auf diesen beiden Wegen hatte ich den Nordteil des Sprengi-
sandur gesehen und glaubte seinen Charakter nun zu kennen; was ich iiber
ihn gelesen hatte, stimmte dazu. Da ich nicht iiber þjórsá und Tungná
kommen konnte, wáhlte ich einen anderen Weg als den iibliclien. Dieser
fiihrt von Mýri (oder Svartárkot) im obersten Bárðardalur iiber die Mitte
der Senke zwischen Hofs- und Tungnafellsjökull, östlich der þjórsá, dann
am Sóleyjarhöfði iiber diesen Flufi und an seiner Westseite abwárts nach
Skriðufell im Gnúpverjahreppur und ist mit Steinmalen gezeichnet. Von
ihm zweigt der Weg in die Landsveit (nach Galtalækur) am Sóleyjarhöfði
ab; er bleibt östlich der Þjórsá und fiihrt iiber die Tungná nahe ihrer
Miindung in die Þjórsá.
Die Hauptzuflússe der Þjórsá kommen aus dem Hofsjökull; die gröfiten
von ihnen sind die beiden Þj órsárkvíslar nördlich vom Arnarfell mikla.
Ich kannte die meisten aus dem Hofsjökull kommenden Gletscherfliisse
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