Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Side 68
Eismassen, subglaziale Vulkane mit schimmerndem Hermelinmantel, aus
dessen Falten lange Gletscherzungen wie weifie Schleier zur Kiiste herunter-
wallen. Es sind die vereisten Dome des Öraefa-, Mýrdals- und Eyjafjalla-
Jökull, die sich wie ein Márchentraum im Nordatlantischen Ozean spiegeln
und das Auge und die Sehnsucht des Beschauers mit magischer Gewalt
fesseln.
Als ich mich das erstemal dem Eilande náherte, sah ich von allen diesen
Herrlichkeiten nichts, denn die Siidkuste Islands lag in dichtem Nebel
verborgen. Am Friihmorgen des náchsten Tages aber, als der Dampfer
im Hafen der Westmánner-Inseln (Vestmannaeyjar) Anker geworfen, und
ich morgens um 6 Uhr auf dem Kraterrande des Heiligen Berges (Helga-
fell 226 m) saB, da stieg in den sich senkenden Nebelschwaden plötzhch
wie ein Zauberberg die Silberpracht des Eyjafjalla-Jökull vor meinen ent-
ziickten Augen auf und gab mir einen Vorgeschmack von den Herrlich-
keiten, die mich in Island erwarteten. Wenige Wochen spáter stand ich
um Mitternacht auf dem Schneegipfel des EyjafjaUa-Jökull (Abb. 2) und
sah iiber anderthalb tausend Meter tief unter mir die Westmánner-Inseln
wie dunkle, zyklopische Felsklötze auf dem Meere schwimmen.
An der Siidkiiste Islands, und zwarvon derMiindungderölfusá imWesten
bis zum Kap Stokknes, dem Siidostkap der Insel, im Osten breitet sich eine
367 km lange Kette von Sandern (isl. sandar) aus. Im Uaufe der Jahrtausende
haben sie die friiher buchten- und fjordreiche Steilkiiste in eine wenig ge-
gliederte, eintönige und flache Ausgleichkiiste verwandelt. Der vierte von
diesen Sandern, von Westen gerechnet, ist der Eyjafjallasandur1 zwischen
den Miindungen des Holtós und der Skógá. Nur 12 km lang und durch-
schnittlich nur 400 m breit, ist er von allen Sandern der kiirzeste und
schmalste. Zwischen ihm und dem GebirgsfuBe der Eyjafjallafjöll liegt
eine von den kurzen Fliissen des Eyjafjalla-Jökull angeschwemmte Tief-
ebene, die zur Zeit von 50 Bauernhöfen besetzt ist. Mitten in dieses 5 km
breite Tiefland schiebt sich wie die Bastion einer Festung das aus Tuff
und Lava aufgebaute Steinafjall, mit seinen Steilrándern die Ebene um
4—500 m iiberragend. Diese Festung kulminiert mit 810 m, fállt dann
nach Norden etwas ab, um dann wieder ansteigend bei 960 m unter die
Schnee- undEisdecke desEyjafjalla-Jökull uuterzutauchen2. An der Siidost-
ecke dieser Bastion liegt, nur 30 m hoch, der kleine Pachthof Þorvaldseyri.
Hier trafen wir, unterstiitzt von den freundlichen Wirten, unsere Vorbe-
reitungen zur Besteigung des Eyjafjalla-Jökull, der durch seine glánzende
Pracht unsere Bhcke schon vom Gipfel des Helgafell gefesselt hatte.
Trotz Nebels und leise rieselnden Regens traten wir am 16. Juni 1909,
1 Karte von Island 1:50000, Blatt 59 N. V.
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Blatt 58 S. V.