Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Síða 78
bart links und rechts herabhángen. Der ganze Berg gleicht einem Bienen-
korbe.
Das ist die Zeit fiir die Vogelfánger. Mit langgestielten Kátschern aus-
gerustet, kauern sie sich am Rande der Felsen nieder und fangen die Bundi
aus der Luft, wie unsere Kinder die Schmetterlinge. Bei einiger Geschicklich-
keit ist der Fang nicht besonders schwierig. Auf diese Art werden auf dem
Ystiklettur etwa io ooo, auf dem Heimaklettur etwa 20 000, auf Bjarnarey
etwa 30 000, auf allen Bergen zusammen etwa 100 000 Bundi im Jahr ge-
fangen; in guten Jahren noch weit mehr. Hat der Fánger einen zappelnden
Lundi im Netz, dann dreht er ihm den Hals um und hángt ihn an seinen
Giirtel. Die Fertigkeit im Halsumdrehen bei diesen Leuten ist schauder-
erregend. Von Zeit zu Zeit wird die Beute durch Boote abgeholt und nach
Heimaey befördert. Das Fleisch des Lundi ist wohlschmeckend und wird
gegessen, die weichen Federn stopft man in die Betten, und den Rest ver-
wertet man als Brennmaterial.
Der Beutezug gegen die Basstölpel, die in grofier Zahl auf dem Súlnasker
briiten, ist geradezu empörend. Wenn die Jungen soweit herangewachsen
sind, daB sie eben vor dem Flúggewerden stehen, fahren die Mánner hinaus,
erklettern die Felsen, treiben die jungen Tiere zu Tausenden zusammen,
und schlagen sie mit Kntitteln tot. Auf dem Súlnasker werden auf diese
grausame Weise jáhrlich etwa 6000 und mehr junge Basstölpel erbeutet.
Warum? Damit sich die Feinschmecker den Gaumen letzen können; denn
die jungen Vögel sind um diese Zeit sehr zart und fett.
Die jungen Eissturmvögel, deren Niststellen sich in der Regel an den
Wánden der Felsen befinden, werden im Neste totgeschlagen oder auch
lebend nach unten geworfen, wo ihnen der Hals umgedreht wird.
Ich habe auf Island unendlich viel GroBartiges und Schönes gesehen
und bewahre es in dankbarer Erinnerung; aber wenn ich an den Fang und das
Töten der armen Lundi, Basstölpel und Eissturmvögel zurúckdenke, erftillt
mich die Erinnerung mit Trauer und Scham. Dieses rohe und grausame
Massentöten der Vögel ist durchaus unverstándlich und unentschuldbar
in unserer Zeit, die den Naturschutz auf ihre Fahne geschrieben hat. Man
denkt an das traurige Schicksal, das die Walfischfánger im vorigen Jahr-
hundert dem Geirfugl (Alca impennis L.) bereitet haben. Der Riesenalk ist
durch den Unverstand und die Raubgier der Menschen ausgerottet; soll
das gleiche Schicksal noch anderen Arten bereitet werden? Ich bin tiber-
zeugt, kein Islánder wird eine solche Katastrophe verantworten wollen.
Man soll sich auch nicht auf die ungeheure Zahl jener Arten berufen; die
Fangzahlen sind gleicherweise ungeheuerlich: ist nicht sogar der Walfisch
in den Meeren um Island durch die unersáttliche Habgier des Menschen
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