Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Side 80
erklárte Guðmundur. Weiter! Aber bald safien wir ab an einem kleinen
braunen Denkstein, der einen unleserlichen Namen zeigte. „Hier liegt
der letzte Geáchtete begraben." Friiher wurden in Island Verbrecher nicht
zuTod oderFreilieitsstrafe verurteilt, sondern,,friedlos“ gemacht, sie muöten
in der Einöde oder in den Eavahöhlen hausen, Sommer und Winter von
Raub sich náhrend und stets zitternd vor dem Rácher. Das ist nun vor-
iiber. Weiter! — Schafe weiden hier und da frei bis zum Herbst, in einer
Talsenkung eine Herde loser Pferde. In der Tiefe bewegt sich eine ein-
same Mannesgestalt. Meine Begleiter blicken einander an und brechen
dann in laute Rufe aus: „Valdi, Valdi“. In schárfster Gangart geht es
hinab. Ein verwitterter Alter eilt uns entgegen. Die drei begrúfien sich
aufs herzlichste und tauschen dann Neuigkeiten aus. Þorvaldur ist 80
Jahre alt. Sein wirrer Greisenbart, von Schnupftabak durchsetzt, den er aus
einem kleinen Horn gleich in die weiten Nasenlöcher schuttet, wird wohl selten
geschnitten. Dort das geráumige, fiinfgiebelige, aus Erdschollen erbaute Haus
war einst sein Eigentum. Er hat es verkauft und der jetzige Besitzer láfit
es verfallen. Ihm ist ein Bauwerk geblieben, welches aus mehreren Stall-
ráumen besteht, obgleich ein lahmes Pferd und ein braver Hund seine ein-
zigen Genossen sind. Sein Wohngemach hat er sich unter der Dachfirst
eingerichtet, und er nötigt uns dringend dahinauf. Aufrecht stehen konnte
nur einer in der Mitte, zwei kauerten sich seitwárts nieder, und der vierte
mufite auf der Deiter stehen bleiben, nur mit dem Oberkörper im Gesell-
schaftsraum anwesend. Der Wirt braute auf dem Spiritusbrenner Kaffee,
aber er hatte nur zwei Trinkgefáfie, so mufite man damit abwechseln. Doch
die Unterhaltung flofi lebhaft und endlich langte „Valdi” nach einemBuche,
das ihm so lieb war und las uns einen erbaulichen Abschnitt tiber das ge-
getroste Herz vor, den er mit einem Vaterunser beendete. Als wir auf-
brachen, mufite ich denken: „Þorvaldur, Einsamer, was kann dir im
ewigdunklen Islands-Winter und bei Krankheit geschehen ?! Helfe Gott
dir!“ Auch er bestieg sein Rofi und begleitete uns zur Eurt, auf welcher
wir am besten den Fjord durchreiten konnten. Hátte ich an diesem Tage
etwas anderes als eine dtistere Stimmungs-Skizze schaffen können? —
Doch mit einem fernen Dichtschimmer!
Wie anders war der Ritt zur Kirche einige Tage spáter! Von Staður
tiber die Snæfjallsheiði, diesen mit langen Schneestreifen verzierten Berg,
der den Hafen von Isafjord nach dem Meere hin abzuriegeln scheint. Der
Weg soll der schlimmste in Island sein, und er hat oft Menschenleben ge-
fordert: Morast, Schnee, Geröll, Abgrtinde und steile Aufstiege. Doch
unser Ziel war Unaðsdalur, „Wonnetal". Die Eiderente beherrscht diese
Gegend. Tausende schwimmen umher und ftihren ihre Ktiken. Viele sitzen
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