Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Page 85
Das alles bedeutet, wie man sieht, einen gewaltigen Fortschritt gegen-
iiber den Verkehrsverháltnissen noch um 1900. Fiir die Schaffung eigener
Handelsschiffe war die Umgestaltung der politischen Beziehungen zwi-
schen Island und Dánemark zweifellos mitbestimmend; volkswirtschaft-
lich betrachtet, bedeutet dies einen Gewinn fiir Island, der freilich ohne
den bewundernswerten Unternehmungsgeist seiner Binwohner niemals
möglich gewesen wáre. Betrágt doch heute der Wert der islándischen
Handelsschiffe mindestens 5 Millionen, derjenige seiner Trawler mehr
als 9 Millionen Kronen. Wo ist ein Uand sonst auf der Erde, das bei einer
Gesamteinwohnerzahl vom Umfang einer deutschen Mittelstadt eine
auch nur áhnliche Initiative entwickelt hátte?
II. Landverkehr
Der islándische Straflenbau ist erst neueren Datums. Vor fiinfzig Jahren
gab es fast nur Reitpfade, die sich fiir den Verkehr mit den weltberiihmten
einheimischen Pferden ausgezeichnet eigneten, fiir Wagen irgendwelcher
Art jedoch kaum benutzbar waren. Dem StraBenbau stellten sich Hinder-
nisse mannigfachster Art entgegen: einmal die geringe Bevölkerungs-
dichte, die nur langsam ein Bediirfnis nach fahrbaren StraBen aufkommen
lieB, und dann die Natur des Uandes, dessen zerkliiftete Gestaltung kost-
spielige Bauarbeiten voraussetzte. Dazu kamen die groBen Entfernungen,
die ebenfalls nicht gerade zum Bau aufmunterten.
Trotz all dieser Hemmnisse hat der StraBenbau wáhrend des letzten
Menschenalters groBe Fortschritte gemacht. Es laufen nicht nur von
der heute 25 000 Einwohner zahlenden Hauptstadt Reykjavík mehrere
Poststrafien, darunter die altberiihmte StraBe zur Thingstátte, aus, son-
dern es sind auch weite Gebiete des Siidlandes hierdurch erschlossen
worden. Eine das ganze Uand durchziehende StraBe gibt es allerdings
noch nicht. Immerhin kann man heute von Reykjavík bis zum Pfarrhof
Fellsmúli am FuBe der Hekla auf guter StraBe gelangen (etwa 120 km),
desgleichen ins Uand der Njalssaga und weit in die Halbinsel Reykjanes
hinein. Insgesamt diirften jetzt etwa 2500 km fahrbarer StraBen auf
Island zur Verfiigung stehen, die sich freilich in der Hauptsache auf die
Kiistenstriche und die Umgegend Reykjavíks im Siidwesten der Insel
beschránken.
Wie anderwárts, so hat auch in Island der Kraftwagenverkehr neuerdings
eine ungeahnte Ausdehnung genommen; ja, man kann wohl sagen, daB
er fiir den Ausbau des StraBennetzes eigentlich maBgebend geworden ist.
Ist doch irn Sommer 1928 erstmals ein Kraftwagen von Reykjavík nach
Akureyri iiber Thingvellir-Kaldidalur, also quer durch die ganze Insel,
121