Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Page 91

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Page 91
lage des Charakters eine kurze Betrachtung gewidmet werden. Uns Deut- schen fállt es nicht leicht, den Charakter des Islánders richtig zu erkennen und zu wiirdigen. Unser Leben und Denken ist von dem Seinen grund- verschieden. Dem widerspricht nicht die oft hervorgehobene Tatsache, daB zwischen den Angehörigen der beiden Völker ein besonders gutes Ver- stándnis sich leicht einstellt, denn dies geht nur von Person zu Person, macht aber vor dem Ganzen des andern Volkes entschieden Halt. Jeder Deutsche findet an Island, jeder Islánder an Deutschland unendlich viel auszusetzen, und zwar nicht an Nebensáchlichkeiten, sondern gerade an den Prinzipien. Úber diese können wir uns seit der Arbeit deutscher For- scher1 jetzt leicht klar werden, und ein Versuch dazu, der freilich von diesen ganz abhángt, soll hier vorgelegt werden. Unterscheidet man, bei der Zweipoligkeit alles Seehschen, den Hinter- grund der Kulturen auf der einen Seite als rational, auf der andern als irrational, so gehört Deutschland zu den Lándern mit rationaler, Island zu denen mit irrationaler Kulturprágung. Das soll nicht heiCen, dafi nicht Irrationales in Deutschland, Rationales auf Island genugsam zu finden sei, denn die Polaritát ist ja jeder Seele eigen; nur ist das eine Prinzip herr- schend, und zwar in allem, Glauben und Denken wie dem praktischen Leben. Was den Glauben betrifft, so haben wir Deutschen ja sogar die Religion, soweit es ging, rationalisiert; an die Stelle lebendigen Siinden- gefiihls im Widerstreit mit lebendiger Gottesliebe haben wir ein System abwechselnder rein weltlicher Orientierung unseres Tuns mit periodisclier seelischer Zerknirschung gesetzt. Der Islánder hat seinen Glauben noch immer als unmittelbar lebendiges Lebensgut bewahrt. Er scheut sich nicht, seinen Glauben zu bekennen, und fiihrt ein lebhaftes religiöses Leben. Er sucht iiber seine Religion zur Klarheit zu kommen und arbeitet an der Harmonisierung von Bekenntnis, Kultus und Leben mit seinem Glauben. Die Kirchlichkeit ist stark, regelmáfiiger Kirchgang allgemein, Religions- gespráche mit dem Pfarrer oder unter Gemeindemitgliedern beliebt, jedes J ahr erscheinen neue religiöse Gedichte, die von unmittelbarem, oft innigem Frleben zeugen, und werden alte neu aufgelegt. Die freier Gerichteten nehmen religiöse Nebenquellen wie den Okkultismus vorurteilslos auf und griinden „Freikirchen", und dafi der Katholizismus mit seinen starken Gemiitswerten und seinen ungeheuer grofien Anforderungen an die prak- tische Verwirklichung der christlichen Lehre eine iiberraschend freudige Wiederaufnahme gefunden hat, láfit sich nicht leugnen. Hier wird wahrlich 1 W. Strich, Der irrationale Mensch (1928); daraus die Anfiihrungen: F. Tönnies, Gesellschaft und Gemeinschaft (1887); B. Groethuysen, Die Entstehung der burgerlichen H'elt- und Lebensanschauung usw. (1927). 125
Page 1
Page 2
Page 3
Page 4
Page 5
Page 6
Page 7
Page 8
Page 9
Page 10
Page 11
Page 12
Page 13
Page 14
Page 15
Page 16
Page 17
Page 18
Page 19
Page 20
Page 21
Page 22
Page 23
Page 24
Page 25
Page 26
Page 27
Page 28
Page 29
Page 30
Page 31
Page 32
Page 33
Page 34
Page 35
Page 36
Page 37
Page 38
Page 39
Page 40
Page 41
Page 42
Page 43
Page 44
Page 45
Page 46
Page 47
Page 48
Page 49
Page 50
Page 51
Page 52
Page 53
Page 54
Page 55
Page 56
Page 57
Page 58
Page 59
Page 60
Page 61
Page 62
Page 63
Page 64
Page 65
Page 66
Page 67
Page 68
Page 69
Page 70
Page 71
Page 72
Page 73
Page 74
Page 75
Page 76
Page 77
Page 78
Page 79
Page 80
Page 81
Page 82
Page 83
Page 84
Page 85
Page 86
Page 87
Page 88
Page 89
Page 90
Page 91
Page 92
Page 93
Page 94
Page 95
Page 96
Page 97
Page 98
Page 99
Page 100
Page 101
Page 102
Page 103
Page 104
Page 105
Page 106
Page 107
Page 108
Page 109
Page 110
Page 111
Page 112

x

Mitteilungen der Islandfreunde

Direct Links

If you want to link to this newspaper/magazine, please use these links:

Link to this newspaper/magazine: Mitteilungen der Islandfreunde
https://timarit.is/publication/323

Link to this issue:

Link to this page:

Link to this article:

Please do not link directly to images or PDFs on Timarit.is as such URLs may change without warning. Please use the URLs provided above for linking to the website.