Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Side 92
nicht das Bequemere an die Stelle des Unbequemeren oder das Neue an die
Stelle des langweilig gewordenen Alten gesetzt. Selbst die oft vorzufindende
Skepsis ist auf Island religiös fruchtbar, denn sie fiihrt fast nie zu Atheis-
mus fiirs Leben, sondern in der Regel zu stárkerem persönlichem sittlichem
Verantwortungsgefiihl (das sonst beim Islánder durchaus nicht stark aus-
geprágt ist), wobei die im Rationalismus iibliche Identifizierung von Reli-
gion und Moral sich einschleicht und also die Skepsis den Glauben nur
modifiziert, nicht vernichtet.
Noch entschiedener als die Religion ist unser Denken dem Rationalis-
mus verfallen, wir erkennen die Welt als Logos — die Logik ist die Wissen-
schaft, der sich alles Denken fugen muB. Ganz, ganz anders der Islánder!
Er empfindet noch heute die Logik als eine Wissenschaft, die bestimmten,
den rationalen, Teilen des Erkennens zugeordnet und dariiber hinaus ohn-
máchtig ist. Ihm ist die Welt ein Kosmos, der nur durch Hingabe erkannt
werden kann. Weil er mit keiner rationalen Voreingenommenheit an die
an sich chaotische Erfahrung herantritt, ist er ein vorzuglicher, ganz un-
gewöhnlich scharfer und furchtloser Beobachter. Die Gelehrten Islands,
die nicht ausgenommen, die Weltruf besitzen, beziehen das Irrationale
mit den dazu gehörigen irrationalen Arbeitsweisen offen in ihre Arbeit
ein. Sigurður Nordal — kein Rationalist —, der sich mit wissenschaftlichen
Werken feinsten Kalibers internationale Anerkennung als Philologe er-
worben hat, sammelt jetzt volksláufige Geschichten okkulten u. á. Inhalts.
Einer der ausgesprochensten Rationalisten Islands, Guðmundur Finnbo-
gason, dessen anfangs genanntes „Land og þjóð" alles Irrationale zuruck-
drángt, bringt doch fiir die Abneigung des Hávamál gegen „zuviel Verstand"
sofort unmittelbarstes Verstándnis auf1. DaB die weltanschauliche Dich-
tung Islands vorwiegend Heimat- und Seelenwerte pflegt, ist allgemein
bekannt. Auch das fast gánzlich fehlende Spezialisieren fur ein Einzelfacli
gehört hierher, obwohl es genetisch auf die geringe Volkszahl zuruckgeht,
denn hier kommt es nicht auf die Entstehung, sondern auf das bindende
Prinzip im Strukturzusammenhang an, und da ist es als Zeichen der ir-
rationalen, nicht auf ZweckmáBigkeit gerichteten Einstellung zu bewerten.
Am deutlichsten dem unbewaffneten Auge erkennbar ist der irrationale
Charakter des Islánders an der soziologischen Struktur des islándischen
Lebens. Tönnies hátte Island als Vertreter der (irrationalen) Gemein-
schaft gegeniiber der (rationalen) Gesellschaft benutzen können. Der
„Unterschied liegt zunáchst darin, ob das Verbindende in den subjektiven
Erlebnisbeziehungen der Glieder zueinander oder in einer von der Ver-
nunft anzuerkennenden objektiven Ordnung des Lebens besteht". Beim
1 Skírnir 103 (1929), S. 88 ff.
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