Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Síða 95
Islander wird jede Frage des öffentlichen Lebens persönlicb gelöst. Bei
einer Stellenbesetzung sieht er sicb nicht nach ,,dem Fachmann" um,
sondern wahlt den, dessen Gesamtpersönlichkeit ihn am besten geeignet
und dessen Anspriiche aus irgendeiner Beziehung, etwa von angesehener
Familie wegen, ihn am meisten berechtigt erscheinen lassen. Der Be-
auftragte verfáhrt dann nicht, wie in Deutschland, „nach dem Vorgang“,
d. h. schematisch wie in friiheren, áhnlichen Fállen auf Grund der Akten,
sondern subjektiv, entscheidet von Fall zu Fall, ohne Dienstanweisung,
ohne Starrheit. Die persönliche Tiichtigkeit gilt, nicht der Fachwert
des zu einem speziellen Zwecke abgerichteten Normalbiirgers. Notstands-
gesetze hat Island wáhrend der Kriegs- und Nachkriegszeit kaum er-
lassen, aber eine erfolgreiche Wirksamkeit zur Bewáltigung der riesen-
grofien Schwierigkeiten dennoch entfaltet; hier erscheint die Tátigkeit
der Staatsstellen oft geradezu wie private, weswegen ihr auch Thorsteinn
Thorsteinsson in seiner Darstellung1 nicht gerecht geworden ist. Es geht
ohne soziale Gesetze. So gehen die Armen nicht wie bei uns ins Armen-
haus oder empfangen Renten, sondern finden auf den Höfen in der Regel
willige Aufnahme (wiewohl man grofie Freude iiber einen solchen Gast
billig nicht erwarten kann). Die Parteien sind nicht erkliigelte Vertre-
tungen irgendeines theoretischen Programms und auch nicht als Gemein-
schaften gemeinsamer wirtschaftlicher Interessen bestimmt, sondern
stark durch die irrationalen Werte, die sie zugleich vertreten; besonders
ihre Heimattreue ist entscheidend, ob sie bereit sind, mit Dánemark
zusammen zu arbeiten, auslándische Arbeitnehmer zuzulassen u. dgl.
Praktisch denkt der Islánder dabei am wenigsten, er entscheidet sich nach
anderen Gesichtspunkten. So mietet er Flugzeuge der Rufthansa nur
so lange, bis ein islándischer Pilot, islándische Wetterbeobachter usw.
ausgebildet sind; dann kauft er sich ein Flugzeug und ist wieder Herr im
eigenen Hause. Dabei liegt irgendeine Animositát gegen die Deutschen
bestimmt nicht vor, und billiger kommt es ihm auch nicht. Warum han-
delt er dann so ? Weil er tut, wozu er sich getrieben fiihlt, weil er nicht
anders handeln kann, weil er ungliicklich wáre, wenn er unter Preisgabe
seiner Tradition ein Gescháft gemacht, statt unter Wahrung seiner tíber-
lieferung lieber schwere Rasten auf sich genommen hátte.
Der Islánder bindet sich also an seine Geschichte. Er erkennt die Ver-
gangenheit mit ihren Werten als verpflichtend auch fiir die Zukunft an.
Hier liegt die weltanschauliche Wurzel seines Irrationalismus. Er iibt keine
Selbstkritik wie der Deutsche, hat keinen Grund seinen Charakter immer
wieder zu begriinden und zu rechtfertigen wie der Deutsche, „das irratio-
1 Island under og efter Verdenskrigen, Iiopenhagen (1928).
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