Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Blaðsíða 96
nale Miissen steht iiber dem rationalen Zweck“. Der Biirger „bindet sich
an den empirischen common sense, den gesunden Menschenverstand,
wáhrend der aristokratische Konservatismus sich logisch widerspruchslos
auf das irrationale Recht der Historie, auf die Tradition stiitzt und der
allgemeinen Vernunft skeptisch und pessimistisch gegeniibersteht". Iír
ist in der Tat konservativ, d. h. entwickelt alles organisch aus dem Vor-
handenen in stetigem Sinne heraus. So ist auch seine Geschichtsbetrach-
tung pragmatisch, nicht kritisch. Das irrationale Leben des Islanders
,,ruht auf der Bereitschaft, die Welt unsystematisch in sich aufzunehmen
und der Individualitát gerecht zu werden, ohne es von vornherein in
den zweckhaften allgemeinen Formen zu erleben". Nicht hat er infolge-
dessen demlnteresse der Bebenshaltung zuliebe eine fiir alle Volksgenos-
sen verbindliche Norm geschaffen, er ist durch und durch Individualist
ohne die Einschránkungen wie beim Deutschen, fiir den das nur innerhalb
der Grenzen der Vernunft, oder beim Englánder, fiir den es nur innerhalb
des Typus, dem er angehört, Geltung hat. Der Islánder ist absolut sorglos
in bezug auf seine Selbstversicherung, persönliche Versicherung ist fast
unbekannt bei ihm — diesen Menschen kann die biirgerliche Gesellschaft,
die den berechenbaren Menschen will, nur hassen! Das Ziel des islán-
dischen Charakters ist durchaus nur der vollendete islándische Mensch,
ohne Riicksicht auf sonstige Gleichheit, und es wird im allgemeinen mit
erstaunlicher Energie erreicht. Empfindlich, zart ist der Islánder, aber
schwach ist er nicht. Der Bauer ist ein kleiner König. Die aristokrati-
sche Tugend des Taktes setzt den Besucher auch an den einfachsten
Leuten immer wieder in Verwunderung. — Hier liegt auch die tiefere
Wurzel fiir jene Charakterziige, die den Deutschen am Islánder so leicht
árgern: das Selbstbewufitsein, den Uberlegenheitsanspruch, die Un-
fáhigkeit zur Anerkennung fremder Vorziige, die Selbstverstándlichkeit,
mit der er nimmt, oft mehr, als in unserer Höflichkeit gemeint war
(obwohl er wohl weifi, daJ3 das Ausland nicht so gastfrei ist wie seine
Heimat), die Eigenwilligkeit. Sieht man alles dies auf dem Hintergrunde
der islándischen Geschichte, mit der Abstammung von Háuptlings-
familien, der Siedlung zum Zweck der unbeschránkten Freiheit, der ruhm-
vollen Selbstbehauptung gegeniiber den grausamsten Verfolgungen durch
Natur und Menschen durch ein volles Jahrtausend hin, so kann man eine
tiefere Berechtigung zu so adliger Haltung nicht abstreiten. Der Islánder hat
keine Aristokratie, aber jeder einzelne Angehörige des islándischen Volkes
betrachtet sich als adlig. So ist das Wort Heuslers1 völlig treffend: die Is-
lánder sind Aristo-Demokraten, sind „das Adelsvolk des hohen Nordens!"
1 Deutsche Rundschau 1896, S. 361 und 371.
128