Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Qupperneq 97

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Qupperneq 97
XVIII. ZWEIERZÁHLUNGEN VON EINAR H. KVARAN a) GOTT UND DIE SEEUE (GOD BOÐ) Die Seele schwebte ihrer selbst unbewuBt auf den Wogen des Áthers. Da bedurfte der Herr ihrer und beruhrte sie mit seinem Herrscherstab. Sie er- wachte aus dem Schlaf, in dem sie seit ewigen Zeiten gewesen war, und kam schiichtern und glucklich zu Gott, wie ein junger Mann, der sein erstes Gedicht gemacht hat. UndersandtesiehinabaufdieErde. Sie selbst sollte dort zuerst ein kleines Kind sein, dann das Schicksal der Menschen vollenden, bis der Lebenslauf zu Ende war. Voll Erwartung und seliger Hoffnung flog die Seele nach der Wohnstatte der Menschen, wie ein Júngling, der zu seiner ersten Reise aufbricht, wie ein junges Mádchen, das den Mann heiraten soll, den sie innig liebt. Nacheiniger Zeit aber kehrte sie heim zu Gott, wie ein gejagtes Lamm, geláhmt wie ein Eidervogel, dem die Schwingen gebrochen sind. „Gútiger Herr," sagte sie, „das wage ich nicht. LaB mich lieber wieder schlafen." „Was wagst du nicht ?" fragte Gott. „Ein Menschenleben auf mich zu nehmen. Es ist wie ein ganz unbefahrbarer Strom. Ich weiB nicht, wohin er mich trágt. Ich glaube, ich wúrde darin ertrinken oder zugrunde gehen an Mangel, Krankheit, an Tor- heit oder Schlechtigkeit." „Du sollst nicht zugrunde gehen," antwortete Gott. „Ich gebe dir eines von den höchsten Gútern des Lebens." „Was gibst du mir?" fragte die Seele. „Ich machedich zu einem Mann, und gebe dir eine Frau, die dein Entzúcken und deine Wonne ist. Jedes Wort von ihren Lippen soll deinen Ohren zum schönsten Ge- sang werden; jede ihrer Bewegungen soll deine Augen erfreuen, wie wogendes und sich wiegendes Gras im Morgenwind. Ihre Einfalt soll dir erscheinen als kindlich engelreine Unscliuld. Wachend und schlafend sollst du nur von ihr tráumen." „LaB mich lieber wieder sclilafen," bat die Seele. „Die Liebe vergeht. Das sah ich in der Menschenwelt. Nach einigen Jaliren wúrde etwas ganz anderes mein Herz fesseln. Sonst wáre ich kein Mann." „Dann mache ich dich zur Frau," sagte Gott, „und gebe dir den Mann, den dein Herz ersehnt. Dein höchstes Glúck soll sein, ihm die Lebenstage zu verschönen, den Reichtum deiner Liebe um ihn zu schlingen und den Lebensborn der Liebe in seine Seele zu gieBen, die Sonnenstrahlen rings um ihn herum spielen zu lassen, daB kein Schatten Zutritt findet." „LaB mich lieber wieder schlafen," bat die Seele. „Wenn sein Herz sich von mir Wendet, schaue ich auch nach ihm mit Tránen und Jammer im Herzen, sonst wáre ich keine Frau. Das sah ich in der Menschenwelt." „Du bist schwer zufriedenzustellen," sagte der Herr. „Solches biete ich doch nur bevorzugten Kindern des Glúcks. Aber ich will dir trotzdem etwéis geben, was noch tvertvoller ist. Ich gebe dir die Liebe zu allen Menschen. Nur auf das Eine soll dein Sehnen sich richten, alle klug und gerecht zu machen. Jeden Armseligen und Elenden, jeden eingebildeten Narren und jeden grausamen Schurken sollst du lieben wie dich seibst. All deine Gedanken sollen nur aus dem Verlangen entspringen, andere glúck- lich zu machen. Alles, was du besitzt, sollst du anderen geben, allen Reichtum, Klei- dung und Nahrung und Seelenfrieden." „Werden mich die anderen Menschen dann auch lieben ?" fragte die Seele. „Nein," antwortete der Herr. „ Jetzt verlangst du zuviél. Ich sende dich doch nicht in den Himmel, sondern auf die Erde. Dort kann noch nicht einmal Gott der Allmách- fige Liebe erwecken zu den Menschen, die andere lieben. Je inniger du die Menschen liebst, je úberzeugter werden sie sein, daB du ein Narr oder ein Schuft bist. Sie be- schimpfen und verleumden dich úberall, sie beneiden dich um jeden Fetzen, mit dbm du deine Nacktheit verhúllst, jedes warmherzige Wort, das die Menschen úber dich 10* 129
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