Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Page 100

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Aber sie hatte am anderen Tag keine Schláge bekommen. Denn als sie aufgestanden war und daran dachte, daB sie heute noch mehr als gewöhnlich geschlagen werden ollte, liatte sie gemerkt, daB die Leute so leise sprachen und behutsam auf den Zehen gingen. Und dann war Gunna zu ihr gekommen und hatte ihr leise gesagt, das Kindchen habe jetzt unglaublich lange geschlafen, niemand habe daran gedacht, sie zu wecken und das deshalb, weil Olöf gestorben sei, ganz unerwartet in der Nacht. „Willst du sie sehen, Klein-Sigga ?“ hatte Gunna gefragt. „Kann der Mensch schlagen, wenn er gestorben ist ?" fragte Klein-Sigga da. Aber Gunna sagte, sie solle nicht solchen Unsinn reden. Ob sie denn niclit verstande, daB Olöf tot wáre, daB sie zu Gott gegangen sei. Da hatte Klein-Sigga sofort verstanden, daB das Unsinn war und daB ein toter Mensch nicht mehr schlagen kann. Und Gunna hatte sie aus dem Bett genommen und hatte gesagt, sie wolle sie tragen. Immer war Gunna so gut zu ihr! Sie trug Sigga ins Zimmer zu Olöf. Olöf lag dort auf einer Bahre und man hatte eine Decke tlber sie gebreitet. Aber Klein-Sigga sah ihre FuBe herausschauen. Wie waren sie groB, und wie weh tat es doch, wenn sie Sigga traten ! Uber dem Gesicht lag ein Tuch, Gunna zog es fort. Wie groB war Olöfs Nase! Die Hknde lagen unter der Decke. Es war nur gut, daB Gunna die Decke nicht abnahm ! Klein-Sigga sah ein offenes Bucli auf Olöfs Brust liegen. „Warum liegt das Buch da ? Olöf liest doch niemals in Buchern." „Das sind die Passionslieder, Kind,“ antwortete Gunna. „Sie liegen dort, damit nichts Unreines an die Leiche kommt." „Was fUr Unreines denn?" „Kleider?" „Nein, Kind. Böse Geister." Wie gut, daB Olöf tot war. Das geschah ihr ganz recht! Nun konnte sie Sigga nicht mehr schlagen, denn, wenn ein Menscli tot ist, kann er keinen mehr schlagen. — Olöf war nach vorn getragen und in einen Sarg gelegt worden, aber der Sargdeckel sollte noch nicht geschlossen werden. Das sollte erst morgen fruh geschehen, liatte Gunna ihr gesagt. Und dann sollte sie fortgeschafft und begraben werden . . . Dann kam der Teufel und nahm sie mit sich fort . . . Denn, was Gunna gesagt hatte, Olöf sei zu Gott gekommen, war nicht wahr, und das hatte sie auch nicht verdient, weil sie eben so böse war. AuBerdem war sie im Sarge in der Stube und nicht bei Gott. Es muBte doch furchtbar beim Teufel sein — entsetzlich heiB . . . Wahrscheinlich war es dort so heiB, wie in der lieiBen Quelle, drauBen vor der Umzáunung . . . oder wie in einem kochenden GrUtzetopf . . . Und nie kam der Mensch da wieder heraus . . . niemals . . . Wahrscheinlich konnte man dort auch nicht einen Augenblick schlafen, muBte wachen Tag und Nacht . . . wo solch unbeschreibliche, schreckliche, fUrchter- liche Hitze war . . . und niemals kam man wieder heraus . . . O lieber Gott, laB Olöf nicht in die heiBe Quelle oder in den GrUtzetopf hinein und niemals wiederherauskommen. So schlecht ist sie doch nicht gewesen. Immer hat sie Klein-Sigga auch nicht geschlagen. Sie hatte ihr zu essen gegeben. Und einmal, als sie so sehrecklich naB und sehrecklich kalt gewesen war — viel kalter als je sonst — hatte sie Sigga nicht geschlagen und war nicht lieblos gegen sie gewesen, sondern hatte ihr gesagt, sie solle sich beeilen, ins Bett zu kommen, hatte ihr noch aus den Kleidern geholfen und sie im Bette zugedeckt und ihr heiBe Milch gebracht. Nein, nein . . . Olöf durfte unter keinen Umstánden zur Hölle fahren. Jesus Christus, bitte, laB sie nicht dorthin kommen! Was war aus der Puppe geworden ? Sie hatte sie ganz vergessen. Immer war sie eingeschlafen, wenn sie ihre Puppe bei sich hatte. Seltsam, daB sie heute nicht ein- schlafen konnte. — Da lag ja die Puppe unten im Bett und Gunnas FUBe auf ihrem Kopf . . . DaB sie nicht erstickt war, die arme Puppe! Olöf hatte ihr einmal die Puppe wegnehmen wollen —, und ihr nichts davon lassen wollen, auBer dem Kopf. Sie hatte ihr gesagt, es ware besser, mit diesen Fetzen ein 132
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