Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Blaðsíða 105
noidischer Kultur verbauen dem Anfánger das Verstándnis und erschweren
ihm den richtigen Blickpunkt zu gewinnen. So wiirde denn auch die beste
ííbersetzung allein den erwiinschten Nutzen nicht stiften. Es war von
vornherein bei diesem Unternehmen darauf abgesehen, das Verstándnig
jedem ehrlich suchenden Leser soweit zu erschliefien, als es eben ohne griind-
liche Kenntnis der Originaltexte möglich ist. Diesem Zweck diente zu-
náchst der von Niedner verfafite Einleitungsband; in diesem werden wir in
anspruchloser sachlicher Darstellung eingefiihrt in die Welt des alten Nor-
dens; alle geschichtlichen, kulturhistorischen, literarhistorischen Vor-
aussetzungen werden gegeben; und wer diesen Band sorgfáltig durcharbeitet,
der weifi, was er zu erwarten hat und wie die Stoffe behandelt sind. Da
wird uns gezeigt, welche Rolle die Eddadichtung, die Skaldendichtung,
die Islándergeschichten, die romantischen Sagas, die Darstellungen der
áltesten und der spáteren islándischen Geschichte, die umfassenden Bear-
beitungen der norwegischen Königsgeschichte, die Bischofsgeschichten
spielen, und wenn man sieht, wie reich die Tafel dieser Literatur besetzt
ist, dann wáchst das Verlangen, was in Andeutung und Anfxihrung vor-
gebracht ist, im ganzen Zusammenhang zu lesen. So scheint mir diese
Einfuhrung selbst eine Hungrvaka zu sein, die wie die alte Bischofsgeschichte
dieses Namens den Hunger erweckt, mehr und immer mehr zu erfahren.
Aber mit dieser allgemeinen Einfiihrung ist es nicht getan. Jeder einzelne
Band hat seine eigene Einleitung. Immer wieder gilt es zu zeigen, welche
Voraussetzungen bei dem einzelnen Werk unerláfilich zu wissen sind, und
so manche dieser Einleitungen sind Glanzleistungen der Darstellung und
Einfiihlung. Dazu kommt aber ein weiteres. Wer die Islándergeschichten
kennt, weifi, wie zahlreiche Personen eingefiihrt zu werden pflegen. Dem
heutigen Deser bedeutet das eine Schwierigkeit, deren Beziehungen zu
einander zu merken; darum hat die Sammlung Thule, wo es nötig schien,
Stammbáume beigegeben. Noch wichtiger aber scheint mir die Beigabe
von Kartenskizzen, die eine Vorstellung vermitteln von den örtlichen Vor-
aussetzungen, ohne die ein Eindringen in den Gang der Ereignisse nicht
möglich ist. Hier ist ganz besonders hinzuweisen auf die von P. Herrmann
gezeichneten Úbersichtskarten iiber die Gebiete der Wikingerfahrten und
tiber die Verteilung der Islándergeschichten auf die Insel, vor allem aber
— was man sonst nirgends findet — die dem 3. Band von Snorris Königs-
buch beigegebene Karte von Norwegen um die Mitte des 12. Jahrhunderts.
Der moderne Deser aber ist verwöhnt; er will noch mehr. Das Wort und
die Karte genúgen ihm nicht. Das Bild der Landschaft mufi dazu kommen.
Das reiche Bildermaterial der Thulebánde ist mustergúltig. Es sind photo-
graphische Aufnahmen von höchstem ktinstlerischen Wert; die Bilder von
135