Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Qupperneq 21
Strenge der epischen Zuriickhaltung nicht iibertroffen werden kann; sie
bedient sich zur Darstellung des Innenlebens der Personen keiner anderen
Mittel als sie dem Drama zur Verfiigung stehen. Die programmatischen
Charakteristiken, die bei den Einfiihrungen der Personen oft gegeben wer-
den, können diese Feststellung nicht einschránken, da sie als dichterisches
Mittel kaum betrachtet werden können und der Erzáhler sich durch sie der
kiinstlerischen Charakterisierung der Personen keinesfaUs enthoben glaubt.
Biese geschieht, wie in aller epischen Dichtung, durch das, was die Per-
sonen im Rahmen der Handlung tun und sprechen, was andere iiber sie
aussagen und — selten, aber dann immer in besonders wirkungsvoller
Weise — durch unmittelbare Kundgebung iiber ihr inneres Erleben; man
denke an Gudruns Wort am Schlusse der Eaxdoela: „Dem tat ich das
Schhmmste, den ich am meisten liebte.“ Aber der Erzáhler selbst nimmt
sich nicht das Recht, in die Seelen seiner Personen hineinzuleuclrten oder
uiehr iiber sie zu wissen als was durch die Saga selbst offenbart wird. Mit-
teilungen wie diese: „Der RoBhándler, den diese ungesetzlichen Erpressun-
gen zu erbittern anfingen" (Kleist) oder: „Der Eindruck, den dieser Vor-
gang auf Friedrich gemacht, erlosch nur zu bald“ (Annette v. Droste), deren
auch unsere objektivsten Erzáhler nicht entraten können, fehlen in den
Sagas durchaus. In der ganzen, an erschiitterndem seehschen Geschehen
so reicheu Njalssaga geht das Mal3 der direkten Mitteilung des Erzáhlers
uber das Innenleben der Personen nicht iiber solche Angaben hinaus wie:
■>er war böse, zornig, niedergeschlagen, bekiimmert — sie war vergniigt —
er beherrschte sich — sie wurde giftig und sagte —“ wobei es sich, wie
Eicht zu sehen ist, immer nur um solche seehschen Regungen handelt,
die unmittelbar irgendwie sichtbar oder verlautbar werden, also sozusagen
uUi psychophysische Vorgánge.
Dies ist durchaus die Haltung des Sagaerzáhlers: er gibt iiber Seelisches
llur indirekt Aufschlufi. Er láJ3t uns die Menschen und ihr Erleben so sehen,
""ir wir sie im Eeben sehen: námlich von au!3en. Er sagt an der vorliin
augezogenen Stelle der Hiihnerthorirsaga nicht, dai3 Scham und' Wut in
^lundketils Seele kochen, oder (wie es einmal in der „Judenbuche" heifit):
>.eine grofie, unertrágliche Schmach hatte ihn getroffen", sondern er láfit
^en ihm begegnenden Örn fragen, warum er so rot aussehe; er macht uns
'inniit zu Zuschauern und Zuhörern einer Szene und iiberláfit uns die
Psychologische Ausdeutung. Dieses impressionistische Mittel ist in der
^ithtkunst alter und neuer Zeit auch sonst beliebt; was aber die Saga
Uuszeichnet, ist die Ausnahmslosigkeit, mit der sie es anwendet. Diese
Bestattet geradezu Schliisse auf den Bedeutungsgehalt gewisser Worte zu
z*ehen; so geht reiðr, das fast allein von allen Bezeichnungen fiir Gemiits-
67