Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Side 34
Auch die auf der Carta marina vorkommenden Ortsnamen sind durchweg
richtig und gröJ3tenteils verstándlich. Zwei, die lange unerklárhch schienen,
hat Björnbo (s. o.) in genialer Weise entrátselt, námlich Berghen oder Bergen
und Chaos oder Caos. Björnbo stellte die Eigentiimlichkeit des Claudius
Clavus fest, die Ortsbezeichnungen auf seiner Karte (1427) teils durch aus-
geschriebene dánische Ordinalzahlen, teils (bei Grönland) durch Wörter eines
dánischen volkstiimlichen Verses, teils (bei Island) durch mehr oder minder
danisierte Namen nordischer Runen zu ersetzen. Viele Nachfolger haben
diese Namen als wirkliche Ortsnamen mifideutet und sie in teils weiterer Ver-
ballhornung iibernommen (so namentlich Nicoló Zeno der jiingere auf seiner
lange umstrittenen Nordlandkarte, Venedig 1558, die er aus verschiedenen
Karten, darunter der Carta marina zusammenstellte und mit der von ihm
gefálschten Jahreszahl 1380 versah). Olaus dagegen, dessen Gewáhrsleute
die danisierten Runennamen nicht als islándische Ortsbezeichnungen kannten,
war kritisch vorsichtig genug, sie nicht in seine Karte aufzunehmen mit
Ausnahme der beiden vorerwáhnten, die ihm aus guten Griinden unbedenk-
lich schienen. Berglien, auf der Clavus-Karte die Rune bjarkan, erinnerte so
völlig an die norwegische Handelsstadt Bergen, mit der Island in regem Ver-
kehr stand, daB der Name wohl auf diesen Verkehr hinweisen sollte; und
Chaos, auf der Clavus-Karte ursprunglich nach Björnbo die Rune thurs,
verstiimmelt zu thoos, ochos, choas, chaos, betrachtete Olaus offenbar als
die unter den Vulkanen gelegene unergriindliche Glutwirrnis, die der Aber-
glaube, áhnlich wie im Siiden den Feuerherd des Átna oder Stromboli, fiir
Straf- oder Ráuterungsorte siindiger Seelen hielt. In diesem Sinne steht
Chaos auf der Carta marina bei einem jeden der erwáhnten Vulkane.
Unweit von Berghen findet sich dann einName Vallen, den 'Olafur Davíðs-
son in Tímarit hins ísl. bókmentafjelags, Jg. 14 (1893) als Vallanes, einen
Hof beim Uagarfljót ansah, wáhrend Ahlenius darin einen Zusammenhang mit
hvalur (Walfisch, vielleicht mit der Klippe Hvalsbak) zu finden glaubte.
Vielleicht enthált der Name einen Hinweis auf die beriihmte, örtlich aller-
dings íalsch iibertragene Státte Thingvellir, von der Olaus Magnus sicherlich
irgendwie gehört hatte, und welche Dánen, Englánder und auch Deutsche
von jeher, teilweise bis heute, mit der Genitivform Thing-valla zu benennen
pflegten. Die Gegenúberstellung von Berghen und Vallen als „Berg und Tal“,
oder als Fjallasveit (ein hochgelegener Distrikt in Ostisland) und dem flaclien
Seestrand, ist zwar nicht unmöglich, scheint jedoch ziemlich erkiinstelt. Viel-
leicht haben die verschiedenartigen unklaren miindlichen Berichte zusammen
Olaus Magnus bei seiner Kartierung von Vallen beeinflufit.
SchlieBlich noch das WortRo’k oder Rók oder Roek, das als das englische
rock = Fels oder Felskap gedeutet wurde. Wahrscheinlich ist es die heute
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