Milli mála - 01.01.2013, Page 97
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Grand Tour und auch der von ihm konzipierte Bericht der Reise
war Teil dieses Bildungsprojektes. Im nachfolgenden Exkurs soll
kurz aufgezeigt werden, was das Typische an einer Grand Tour
war.
2. Exkurs: Die historische
Entwicklung der Grand Tour
In der Literatur wird die Grand Tour oft mit der Kavalierstour
gleichgesetzt (z. B. in Tourismuspsychologie und Tourismussoziologie
1993 und Leed 1993). Zwar sind die Grenzen dieser beiden
Reiseformen nicht absolut zu bestimmen, dennoch ist es m. E. prä-
ziser, sie analytisch zu trennen und die Grand Tour als eine jüngere
Reiseform zu begreifen, die aus der Kavalierstour hervorging,
indem Anpassungen an die neuen Bedürfnisse des aufgeklärten und
bürgerlichen Zeitalters vorgenommen wurden.
Die Kavalierstour war eine Reise, die gemeinhin als Abschluss
der adligen Erziehung und als Einführung in die Welt der europäi-
schen Aristokratie galt (Siebers 1991). Während einer Kavalierstour
sollte der junge Reisende durch Anschauung und Vergleich ver-
schiedene Staats- und Regierungsformen kennen lernen, Kontakte
zu ausländischen Adelshäusern und Fürstenhöfen knüpfen und
durch den Besuch von Universitäten und Akademien moderne
Sprachen (Französisch, Italienisch, Spanisch) erlernen sowie breit ge-
streute Kenntnisse in verschiedenen Wissenschaften (Reichs ge-
schichte, Staats- und Rechtswissenschaften, Mathematik, Geo metrie,
Festungs wesen) erwerben. Daneben sollte er ritterliche Fertig keiten
(Tanzen, Fechten, Reiten, Ballspiele, Jagen) und galantes Verhalten
einüben. Das Alter der in dieser Weise Reisenden lag zwischen 16
und 25 Jahren. Die Reise selbst dauerte mehrere Jahre. Über den
historischen Entwicklungsverlauf dieser Reiseform schreibt Siebers:
Die Reisetätigkeit des einfachen Adels und Bürgertums sank nach einem
Höhepunkt um 1600 beständig ab und hörte in der althergebrachten
Form um 1740 praktisch auf. Dagegen blieb die Reisehäufigkeit des hö-
heren Adels seit ca. 1580 für hundert Jahre fast konstant, verdreifachte
MARION LERNER