Milli mála - 01.01.2013, Page 98
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sich von 1690 bis 1720, um dann ebenfalls bis etwa 1740 beinahe völlig
zu versiegen. (Siebers 1991: 50)
Jedem Land, das von den Kavaliersreisenden besucht wurde, wur-
den bestimmte Vorzüge zugeordnet. So war Frankreich das
Musterland der galanten Sitten, modischen Eleganz und des geselli-
gen Umgangs. Italien wurde wegen der kulturellen und architek-
tonischen Zeugnisse der Antike aufgesucht, außerdem bot Italien
beste Voraussetzungen zum Kunstgenuss, einschließlich Oper, und
für die vergleichende Staatenkunde. Für Reisende aus katholischen
Landstrichen war Rom das Hauptziel der Reise. Die Niederlande
und England wurden einbezogen, um die neueren wirtschaftlichen
und technischen Entwicklungen in Augenschein zu nehmen. Dar-
über hinaus boten beide Länder eine attraktive Vielfalt an wissensc-
haftlichen und religiösen Lehrmeinungen. Deutschland und die
Schweiz waren auf so einer Tour lediglich Durchgangsregionen.
Unentbehrlich hingegen war die Kaiserstadt Wien, die den Kaval-
ieren sowohl Erfahrungen am Wiener Hof als auch das Erlebnis
einer Weltstadt vermittelte. Über Kavalierstouren gibt es eine
Unmenge an schriftlichen Zeugnissen in Form von Rechen schafts-
briefen, Kartenwerken, Kompendien, Kalendarien etc., diese waren
aber in der Regel nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Die Ent-
wicklung der Kavalierstour wurde von Schriften über die Kunst des
Reisens (den sogenannten Apodemiken) begleitet, die nach Uli
Kutter noch keine Reisehandbücher oder Reiseberichte darstellten,
sondern vielmehr der Versuch waren, das Reisen und die damit
verbundene Bildung und Erziehung zu methodisieren (Kutter
1991).
Neben der Kavalierstour und in enger Beziehung zu ihr hatte
sich die vorrangig bürgerliche Gelehrtenreise herausgebildet.
Handelte es sich bei den reisenden Kavalieren um sehr junge
Männer, so waren die gelehrten Reisenden ausgebildete Theologen,
Juristen, Ärzte, Hofmeister und Hauslehrer oder universitär gebil-
dete Privatleute. Die Ziele der Gelehrtenreise lassen sich mit
Siebers in zwei Begriffen zusammenfassen: Erudition und Informa-
tions schöpfung. „Erudition“ bestimmt sich als „die umfassende
Aneignung der sprachlichen und literaturkundlichen Grund lagen
„AUS EINEM BRIEF AUS ISLAND“