Milli mála - 01.01.2013, Page 102
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Zuschüsse für seine Reise (Jón Helgason 1941: 66). Darüber hinaus
saß seine Verlobte in Island und wartete auf ihn. Er musste also gute
Gründe vorbringen und am Ende auf Erfolge verweisen können. Als
er zu seiner Reise aufbrach, war er 25 Jahre alt und ein ausgebildeter
evangelischer Theologe mit guten Zukunfts aus sichten.
Rekonstruiert man den Verlauf der Reise, so entspricht dieser zu
großen Teilen dem etablierten Kanon der bürgerlich-aufklärerischen
Grand Tour, allerdings anfangs mit besonderem Augenmerk auf die
evangelisch geprägten mitteldeutschen Landstriche: beginnend im
Sommer 1832 mit einem langen Studienaufenthalt in Berlin, weiter
über Wittenberg, die Wirkungsstätte Luthers, Leipzig, Meißen,
Dresden, Prag, München und Salzburg nach Wien. Nach acht
Wochen ging es nach Italien und über Triest, Venedig, Bologna und
Florenz zum vorläufigen Höhepunkt der Reise in Rom, wo der
Isländer sich vier Monate lang aufhielt. Nachdem er schon seine
Abreise aus Italien konzipiert hatte, ergab sich die unerwartete
Möglichkeit zu einer fünfmonatigen Schiffsreise von Neapel nach
Sizilien, Griechenland und in das Osmanische Reich. Erst danach
setzte Tómas Sæmundsson seine ursprünglich geplante Reise über
die Schweiz nach Paris und schließlich im Frühjahr 1834 nach
London fort.
Nach seinen Aufzeichnungen zu urteilen, verbrachte er seine
Zeit unterwegs vor allem damit, Museen, Theater, Bildungsinstitute,
Universitäten und Bibliotheken aufzusuchen, Vorträge und Predig-
ten zu hören, Bücher zu lesen, Gelehrte zu besuchen2, Städte anzu-
schauen und städtisches Leben, bürgerliche Arbeitsteilung und
Neuerungen der Industrie zu studieren und von allem Notizen für
sein Reisebuch zu machen. Allerdings finden sich große Lücken in
seiner Korrespondenz und sein Reisebuch ist Fragment geblieben.
So ist man zu großen Teilen gezwungen, Vermutungen anzustellen,
auch darüber, warum bestimmte Teile der Reise so sehr im Dunkeln
bleiben. Dramatisch wurde sein Aufenthalt in Paris, wo er krank
wurde und mittellos war. Insgesamt ist aber festzustellen, dass die
Reise den üblichen Bildungszielen entsprach und die beschriebenen
Aktivitäten hiervon Zeugnis ablegen.
2 Als Beispiele hierfür können die Namen J.A. Konrad Levezow, Henrik Steffens, Friedrich
Schleiermacher, Giuseppe Gasparo Mezzofanti und Bertel Thorvaldsen genannt werden.
„AUS EINEM BRIEF AUS ISLAND“