Milli mála - 01.01.2013, Page 117
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Autor, sondern dem Prinzen und seinen Begleitern gilt. Die Per-
spektive ist stets beobachtend distanziert (64–65).
Bemerkenswerterweise finden sich, betrachtet man den Bericht
über diese Reise nach dem Schema Abfahrt-Passage-Ankunft, die
persönlichsten Auskünfte und Betrachtungen anlässlich der Abfahrt,
weniger in der Passage und kaum bei der Ankunft. Das lässt darauf
schließen, dass der Autor von der Abreise am meisten bewegt war,
was wiederum im Zusammenhang damit interpretiert werden kann,
dass ein bestimmter Lebensabschnitt endgültig zu Ende ging.
Nach der Ankunft in Island wird das Reisegeschehen verlassen
und zu einer Ortsbeschreibung von Reykjavík übergegangen, die
wiederum systematisch durch allgemeine Betrachtungen über die
ökonomische Situation eingeleitet wird. Hier schränkt Tómas
Sæmundsson ein, dass es sich lediglich um seine Betrachtungen und
nichts Bedeutenderes als solche handelt (65). Nichtsdestotrotz
mahnt er seine Landsleute an, mehr vorausschauenden Fleiß und
Zusammen halt an den Tag zu legen (66).
Die Beschreibung von Reykjavík umfasst den ersten visuellen
Eindruck, die Lage und Anordnung der Gebäude, die Qualität der-
selben sowie sehr informierte Betrachtungen über mögliche zu-
künftige städtebauliche Entwicklungen (65–70). Der Reisebericht
bietet hier Gelegenheit zu eigenen Überlegungen und kritischen
Anmerkungen, die auf den Erfahrungen des Weitgereisten beruhen,
der sich viele Städte und Dörfer angesehen hat und sich offensicht-
lich für Städteplanung interessiert. Eine gewisse Enttäuschung ist
jedoch nicht zu verkennen, vor allem in Bezug auf die Ästhetik des
Ortes. Eine gefühlsmäßige Bindung zur Stadt wird im Text kaum
aufgebaut, aber doch eine bestimmte Vision gezeichnet. Eine syste-
matische Ortsbeschreibung dieser Art einschließlich Bewertung
entspricht den Gepflogenheiten der zeitgenössischen Reiseliteratur.
Tómas Sæmundsson praktiziert sie selbst kurze Zeit später bei sei-
ner Beschreibung der Stadt Berlin (TS 1947: 37ff.).
Im Anschluss an die Beschreibung von Reykjavík geht der
Autor zu einer ausführlichen Diskussion über die isländischen
Handels plätze, die Einführung des freien Handels und die Situation
der Kaufleute sowie zu Verbesserungsvorschlägen in Bezug auf
Wirt schaft, Fischfang und Handel über (70–79). Hier wird deut-
MARION LERNER