Árbók Háskóla Íslands - 02.01.1925, Blaðsíða 30
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Die Naturverháltnisse in Island stellen einer rationellen
Ausnutzung der Arbeitskraft im Laufe des Jahres grosze Hinder-
nisse in den Weg. Solange die Erde frei von Frost ist, hat der
Landmann nicht nur selber Arbeit genug, sondern brauclit
auszerdem noch Hilfskráfte zur Zeit der Heuernte. Aber mit
dem Eintritt der Winterfröste ist nicht einmal fúr annáhernd
so viele Hánde Bedarf vorhanden. Áhnliche Verháltnisse
machen sich in der Fischex-ei geltend. Einige Monate lang
besteht Mangel an Ai'hcitskráften, wáhrend fiir den iibrigen
Teil des Jahres Arbeitskráfte im Úberflusz vorhanden sind.
Diese Schwierigkeiten hatte man in friiheren Zeiten zum groszen
Teil zu iiberwinden verstanden. Die Fischer und jungen Mád-
chen im Súdlande gingen in groszen Scharen aufs Land, um,
z. T. weit oben im Nordland, an der Erntearbeit teilzunehmen,
und der Arheitslohn wurde oft in verschiedenen Landpro-
dukten bezahlt, an denen die Fischerbevölkerung Bedarf hatte.
Die Reisen gingen zu Pferde oftmals, quer úber die Berge und
dauerten gewöhnlich mehrere Tage. Fúr die jungen Leute waren
diese Reisen geradezu interessíinte Vergnúgungsfahrten, dic
zugleich reiche Gelegenlieit boten, neue Gegenden und deren
Bevölkerung kennen zu lernen.neben der groszartigenNatur,die
sich ihrem Blicke auf der ganzen Reise bot. Wenn dann zum
Winter die Fangzeit im Siidlande begann, strömten die úher-
l'lússigen jungen Leute vom Nordlande nach dem Súdlande,
um an der Fisclierei teilzunehmen. Auf diese Weise konnten
sie sich den Winter gewinnbringend gestalten, da sie ihren
Lohn entweder in Geld oder gelrocknetem Fisch erhielten. der
damals ein wichtiges Nahrungsmittel fúr die Bauern des Nord-
landes bildete.
Diese groszen Bewegungen unter der Bevölkerung haben he-
sondere Bedeutung in anthropologischer Hinsicht, indem Leute
aus entfernten Gegenden reichlich Gelegenheit fanden, Bekannt-
schaften mit einander anzukniipfen, die recht háufig zur Heirat
oder zum Wechsel des Wohnsitzes ftihrten. Wo derartige Bc-
wegungen innerhalb der Bevölkerung durch mehrere Jahr-
hunderte Jalir fiir Jahr stattfinden, kann man kaum gröszere