Árbók Háskóla Íslands - 02.01.1925, Side 43
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III. Friihere anthropolosfische Untersuchung'en.
Im Gegensatz zu den anderen nordischen Lándern ist Island
in anthropologischer Hinsicht sozusagen eine terra inoognita.
Die Isolierung und die abgescliiedene Lage des Landes waren
ein Hindernis fiir auslándische Gelehrte, und die Vorausset-
zungen fiir eine derartige wissenschaftliche Arbeit stets sehr
gering auf Island. Nur wenige Hánde könnte man mit einer
solchen Aufgabe betrauen, und diese waren durch andere
Arbeiten in Anspruch genommen. Das Fehlen der Militárpfliclit
und einer árztlichen Untersuchung der gesamten Jugend des
Landes in einem bestimmten Alter hat ehenfalls dahei mitge-
spielt. Uns fehlte das umfangreiche Untersuchungsmaterial, das
im Ausland vor allem den Anstosz zu anthropologischer
Forschung gegeben hat.
Die ersten Angaben, die wir iiber die Anthropologie der Is-
lánder liaben, finden sich in den Personenbeschreibungen der
alten Sagas. Diese sind in den meisten Fállen reich an malen-
den und anschaulichen Ziigen und wahrscheinlich reclit zuver-
lássig, ohwohl sie auf miindlicher Uberlieferung beruhen. Die
alte Zeit hatte eine gute Beobachtungsgahe imd ein gutes Ge-
dáclitnis, was mán schon in dem Eddagedicht von Rig (Rígs-
þula) sieht. Wie genau und eingehend die Beschreibungen der
Sagas von dem Aussehen der Personen bisweilen sein können,
zeigt z. B. die Harðarsaga, die ihren Held Hörður Grímkelsson
mit folgenden Worten schildert: „Er war einen ganzen Kopf
gröszer als die meisten anderen Mánner. Man konnte ihm nichts
vorspiegeln, denn er sah alles, wie es wirklich war. Er liatte
sehr reiches Haar und war von gewaltiger Köi'perkraft, ein
hervorragender Schwdmmer und tiichtig in allen körperlichen
Betátigungen. Seine Hautfarhe war weisz, sein Haar hellblond.
Er hatte ein breites Gesicht und war pausbáckig, ein Knoten
auf der Nase, hlauáugig und scharfáugig, mit etwas weiter
Augenöffnung, breitschultrig, schmal iiber den Hiiften, mit
weitem Brustkorb und kurzen Exlremitáten und in jeder Be-
ziehung gut proportioniert.“ Diese ganze Beschreibung zeugt