Bibliotheca Arnamagnæana - 01.06.1985, Blaðsíða 182
174
Dem ganzen Passus, im Anschluss an einen Abschnitt mit Anfiih-
rung der Zweifel des Pseudohieronymus an der Himmelfahrt Ma-
riae63, liegt ein Zitat aus dem Hohenlied zugrunde: 6,9 Quae est ista
quae progreditur (ascendit) sicut aurora consurgens, pulchra ut luna,
electa ut sol-. Dieses Zitat wird im einzelnen ausgelegt. Hoheslied
und Mariae Himmelfahrt wurden schon friih miteinander in Zusam-
menhang gebracht, so verweist Ohly64 auf die altenglische Himmel-
fahrtshomilie aus dem Trinity-College, in welcher der Zusammenhang
iiberdeutlich gemacht wird. Ehe der Islander mit der Auslegung be-
ginnt, fiihrt er aus, dass die Propheten oft dunkel seien; deshalb halte
man sich besser an die Auslegungen der helgir menn (fedr). Bei der
Behandlung von dagsbrun (58,23ff.) gibt er erst eine Definition des
Begriffes, nåmlich dass noch Dunkel und Licht vorhanden seien, weil
die Nacht noch nicht vollig verschwunden und der Tag noch nicht ganz
gekommen sei. Dann wird dagsbrun allegorisch auf Maria bezogen:
Als Maria von der Erbsiinde gereinigt worden war, aber noch gering-
fiigige Sunden begehen konnte, wurde sie als dagsbrun bezeichnet.
Als aber Gott (Jesus) mit ihr war und seinen Leib von ihr nahm, hatte
der Tag (réttlætis sol) iiber die Nacht gesiegt. In einer Auslegung des
Hohenliedes von Gilbert Foliot, Bischof von London in den Jahren
1161-1187, wird eine entsprechende Deutung der Morgenrote durch
Gregor den Grossen angefiihrt: Aurora noctem interiisse nunciat, nec
tamen claritatem diei ostentat; sed dum illam pellit, hane suscipit, lucem
tenebris permistam tenet.65 Daran schliesst sich eine allegorische
Ausdeutung auf die Kirche. Das hier herangezogene Beispiel stellt
nicht die Grundlage flir unsere Stelle dar, aber es zeugt von der dama-
ligen Beliebtheit soleher Auslegungen.66 Die Anwendung eines Ver-
gleichs auf die Kirche und Maria ist leicht moglich, da Maria auch die
Kirche verkorpert. Fur die Deutung von aurora auf die Siindhaftigkeit
63 Gabriel Turville-Petre: Nine Norse Studies. London 1972, S. 109f.
64 Friedrich Ohly: Hoheliedstudien. Grundzuge einer Geschichte der Hoheliedausle-
gung des Abendlandes bis 1200. Frankfurt 1958, S. 42: And Salomo the wise, who was
king in Jerusalem many hundred years before this, saw these marvellous ascensions as
manifestly as if he had lived at this day
65 PL 202, Sp. 1286.
66 Man vergleiche hierzu auch etwa das bei Helmut Riedlinger: Die Makellosigkeit
der Kirche in den lateinischen Hoheliedkommentaren des Mittelalters, Munster 1958,
Beitr. zur Gesch. der Philos. und Theol. des Mittelalt., Bd. 38, Heft 3, S. 264 gegebene
Beispiel aus Odo von Chériton (1247).